Zusammenleben von Christen und Muslimen in der Pluralen Gesellschaft

Michael Widmann (Jahrgang 1964) wirkte nach dem Studium der Philosophie und Theologie in München, Wien und Frankfurt zunächst in einer großen Pfarrei und erhielt eine pastorale Ausbildung (Vermittlung der Kenntnisse für die hauptberufliche praktische Arbeit in einer Gemeinde ohne Pfarrer zu werden). Anschließend absolvierte er eine journalistische Ausbildung und war in der Redaktion einer katholischen Zeitung tätig. Derzeit arbeitet er in einem katholischen Verlag, wo er die Autoren, Inhalte und Form von Büchern betreut.

Widmann ist der Autor der Bücher “Das Kopftuch – Gefahr für die plurale Gesellschaft?”  und „Im Kampf der Kulturen: Wo steht der Feind?“

Herr Widmann, Sie haben, wie wir oben bereits erwähnt haben, zwei Bücher geschrieben, die wenn man so will, ein friedliches Zeichen des Miteinanders mit Muslimen setzen sollen. Was war Ihre ursprüngliche Motivation zum Schreiben?

Ende der 90er Jahre las ich davon, dass eine Lehrerin im staatlichen Schuldienst kein Kopftuch tragen darf. Ich hatte noch nie gehört, dass es Bekleidungsvorschriften für Lehrerin gegeben hätte. Selbst Uniformträger wie Polizisten sah man mittlerweile mit langen Haaren oder Ohrringen. Wieso also gerade ein Kopftuch im Schuldienst verbieten? Wenn man gesagt hätte, Miniröcke oder tiefe Ausschnitte würden Pubertierende vom Unterricht ablenken, das wäre nachvollziehbar gewesen. Aber ein Kopftuch war das Gegenteil: ein eher biederes Accessoire, das von der Lehrerin, der Muslima Fereshta Ludin, getragen wurde, um gerade ihre Reize zu verhüllen.

Die Begründung für das Verbot lautete, es handle sich um ein politisches Symbol. Demnach würden also die Trägerinnen damit eine politische Botschaft oder Forderung transportieren. Muslimas mit Kopftuch wären also irgendwie politische Aktivistinnen, ohne dass die Öffentlichkeit gewusst hätte, wofür oder wogegen. Das war eine Konstruktion jenseits der Realität.

Es hieß, eine Lehrerin sei ein Vorbild, dies könne Schülerinnen beeinflussen. Aber wozu? Auch ein Kopftuch aufzusetzen? Zum Islam überzutreten? Ersteres konnte ich mir bei muslimischen Schülerinnen noch vorstellen. Aber welches durchschnittliche deutsche Mädchen findet es verlockend, seine Reize zu reduzieren, weil die Lehrerin das tut? Und dann müsste es bei Nonnen genauso sein, und die arbeiten ja auch im Schuldienst. Selbst wenn es solche Einflüsse gäbe: Was ist mit den Einflüssen durch die Privatmeinungen und Glaubensvorstellungen, die nicht durch religiöse Bekleidung oder Symbole markiert werden?

Mir wurde aus diesen Überlegungen zweierlei klar: Erstens, dass hier eine religiöse Minderheit mit abenteuerlichen Argumenten drangsaliert wird; und zweitens, dass am Ende auch die Religion der Mehrheit an der Öffentlichkeit gehindert wird. Und damit wurde in unserer durchsexualisierten Gesellschaft ausgerechnet bei einem solchen Kleidungsstück begonnen. Das widersprach zutiefst meinem freiheitlichen Bewusstsein wie auch meiner religiösen Überzeugung. Und deshalb begann ich, ein Buch zum Kopftuchstreit zu schreiben.

In Ihrem zweiten Buch ging es ja nicht um das Thema Kopftuch, sondern um das Thema Kampf der Kulturen, die ja eine Gegendarstellung zu Huntigton´s These „Kampf der Kulturen“ darstellen sollte. Wieso und von welchen Akteuren wird ein solcher Kampf der Kulturen beschworen?

Eine Gegendarstellung zu Huntington konnte und wollte ich nicht leisten. Aber in der Öffentlichkeit war der „Kampf der Kulturen“ zu einer Redewendung geworden, die suggerierte, es sei unausweichlich, dass die islamische und die westliche Kultur aneinandergerieten. Dabei entdeckten rechte und konservative Kreise in Deutschland Begriffe wie „Christliches Abendland“ wieder. Es wurde eine Konfrontation zwischen Islam und Christentum herbeigeredet. Das wäre das Gegenprogramm zu dem katholischen Vorhaben, das das Zweite Vatikanische Konzil definiert: „Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslimen kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.“ Das ist nach wie vor die Leitlinie des Heiligen Stuhls.

Da das Buch in einem kirchlichen Verlag erschien, waren meine primäre Zielgruppe die, die sich von diesem Gegenprogramm angesprochen fühlten: Menschen, die aus konservativer Gesinnung heraus Vorurteile gegenüber dem Islam annahmen. Ich versuchte also erstens zu zeigen, dass das in der Öffentlichkeit vermittelte Bild vom Islam ungerecht ist, und zweitens, dass die Konfrontation von bestimmten westlichen Kräften gesucht wird, um geostrategische Ziele zu erreichen und die eigene Gesellschaft stärker zu kontrollieren.

Was können Muslime und Christen tun, damit es nicht zu einem Kampf, sondern einem friedlichen Zusammenleben beider Seiten kommt, wenn es das nicht schon gibt?

Muslime und Christen müssen sich hüten vor einer simplifizierten Lesart des Korans, die ihnen manche als Beweis für ihre Position vorlegen. Denn auf beiden Seiten gibt es Leute, die den Koran als einen Steinbruch benutzen. Aus den herausgesprengten Steinen werden Wurfgeschosse und Faustkeile gegen die anderen. Diese Steinbruch-Exegese mit aggressiver Absicht verkürzt den breiten Strom der islamischen Orthodoxie und Spiritualität auf eine gefährliche Weise. Es macht immer großen Eindruck, wenn einer mit großer Geste erklärt, er habe den Koran gelesen. Dann reiht er Zitat an Zitat. Aber diese Zitate sind eben sehr oft aus dem Zusammenhang gerissen. Sie berücksichtigen nicht die Situation der Herabsendung, die Feinheiten der Sprache und der Interpretation, denn sie verfolgen ja nicht die Absicht, den Koran zu verstehen, sondern ihn zu etwas zu benutzen.

Sie haben nur vom Koran gesprochen, nicht von der Bibel. War das Absicht?

Ja. Die Bibel ist früher entstanden. Sie eignet sich in dieser Schlacht erstens nicht als Waffe, weil sie von ihrer Entstehungszeit her keine Muslime und keinen Islam kennt; und zweitens nicht, weil viele Christen, die so tun, als sei der Koran nur wahabitisch zu verstehen, auch die Bibel wortwörtlich verstehen. Wenn ein Christ aber glaubt, die Bibel sei wörtlich von Gott eingegeben, dann kann er dem Islam wegen vieler Stellen im Koran keinen Vorwurf mehr machen, denn vergleichbare Stellen gibt es auch im Alten Testament. Als eine Muslima einem katholischen Islamhasser einmal dies entgegnete, versuchte er auszuweichen, indem er trotzig sagte, das Alte Testament gelte für ihn nicht. Das aber ist eine Häresie.

Wie verstehen Sie die Bibel und wo sehen Sie darin Anhaltspunkte für ein friedliches Miteinander?

Die Bibel wurde von Menschen geschrieben. Es waren aber gläubige Menschen und insofern waren sie inspiriert vom Geist Gottes. Deshalb sind beim Verständnis der Bibel zwei Aspekte wichtig: erstens, dass Gott durch diese Menschen zu uns spricht, und zweitens, dass diese Menschen als Kinder ihrer Zeit und mit ihren literarischen Ausdrucksmitteln schreiben. Das ist das katholische Verständnis der Heiligen Schrift. Und noch etwas ist wichtig: Gott hat sich zuerst dem Volk Israel offenbart. Davon berichtet das Alte Testament. Das Neue Testament berichtet aber davon, wie Gott selbst in Jesus Christus zu den Menschen gesprochen und an ihnen gehandelt hat. Und in gewisser Weise ist die Fortsetzung dieser Situation die Kirche. Die Kirche sieht sich begleitet vom Heiligen Geist als Gemeinschaft Jesu Christi an. Sie ist also eine lebendige Gemeinschaft mit Gott – und  nicht eine Gemeinschaft, die ein Buch mit Gottes Wort gefunden hat (wie es manche amerikanischen Sekten verstehen).
Ich bin hineingenommen in diese göttliche Gemeinschaft, insofern ich ein Liebender bin. Das ist der tiefste theologische und spirituelle Grund für die friedliche Haltung des Christseins. Die lässt sich natürlich herleiten von der Heiligen Schrift und lässt sich ausfalten von der Lehre der Kirche, aber diese Gelehrtheit kann scheitern, kann auf die schiefe Bahn geraten, wenn sie ihren Grund vergisst. Dazu ein Beispiel: Als sich Papst Johannes Paul II. mit prophetischen Worten gegen den Angriff auf den Irak aussprach, Anfang 2003, fuhr ein bekannter Katholik aus den USA nach Rom und hielt dort eine Rede, mit der er versuchte, diesen Krieg theologisch zu rechtfertigen. So brillant dieser katholische Intellektuelle sein mochte, er war von der Haltung des Liebenden abgekommen (für ihn zählte letztlich nur US-Patriotismus) und hatte sich ziemlich respektlos gegenüber dem Heiligen Vater verhalten, der für die Katholiken der Stellvertreter Jesu Christi auf Erden ist.

Wer könnte ein Interesse daran haben, dass es einen Kampf der Kulturen gibt, und wie wird er geschürt?

Der Kampf „westliche versus islamische Kultur“ hat eine Geschichte. Man kann sich sicher auch Munition aus uralten Geschichten holen, aus den Kreuzzügen (11. bis 13. Jh.) oder den Türken vor Wien (1683). Und das geschieht ja auch. Aber das ist Rhetorik, auf die ich noch zu sprechen komme.

Zunächst hat im Bewusstsein der Menschen das eine Nachwirkung, was in den letzten hundert Jahren geschehen ist, mit der eigenen Familie oder dem Dorf, aus dem man kommt. Und das ist wohl für die meisten Muslime eine Kolonialgeschichte oder zumindest eine, in der westliche Großmächte eine dominante bis kriegerische Rolle spielen. Umgekehrt haben und hatten die Kolonialherren bzw. Westmächte auch Truppen in den meisten muslimischen Ländern, was wiederum Teil unzähliger Familiengeschichten ist.

Dieses kollektive Bewusstsein wurde aber nicht sich selbst überlassen. Die jeweilige Herrschaft muss sich legitimieren. Sie muss den eigenen Leuten einflüstern, was ihren Interessen dient. In diesen manipulativen Prozessen ist die Religion ein erstklassiges Werkzeug, zynisch gesprochen. Wenn es gelingt, die Religion der anderen als primitiv und gefährlich darzustellen, erwecke ich bei den eigenen Leuten das Bewusstsein, dass diese Typen in Zaum gehalten und scharf kontrolliert werden müssen. Umso besser, wenn es in der Religion der anderen Spinner gibt, die bei den Leuten gut ankommen oder mit Waffen umgehen können. Die kann man erstens als Beweis brauchen und zweitens in geeignete Bahnen lenken. Die eigene Religion ist nur dann ein praktikables Herrschaftsinstrument, wenn ich sie kontrollieren kann. Sonst wendet sie sich am Ende gegen meine Herrschaft.

Der Westen hat die Methoden der Steuerung des kollektiven Bewusstseins erforscht und gezielt eingesetzt. Der Klassiker dafür ist Edward Bernays’ Buch „Propaganda“, 1928  in New York erschienen. Und in dieser Propaganda kann auch eine tendenziöse Geschichtsdarstellung von Nutzen sein, aus der man rhetorische Schlagwörter gewinnt. „Die waren schon immer so, da muss man sich nur einmal XY anschauen.“ Nicht nur politische Medien, sondern auch die Unterhaltungsindustrie flankieren diese Stimmungsmache.
Das hinter dieser konfrontativen Propaganda stehende Interesse ist vor allem geostrategischer Natur. Bestimmte Regionen sind wegen ihrer Rohstoffe interessant oder wegen der Nähe zu rohstoffreichen Regionen. Andere Gebiete eignen sich als Militärstützpunkte zur Sicherung der Rohstoffe oder zur Umzingelung des Feindes. Auch die Rolle finanz- oder wirtschaftspolitischen Kalküls darf nicht unterschätzt werden. In strategischen Schachzügen werden Diktatoren gestützt oder gestürzt, Revolutionen angezettelt oder verhindert, Terroristen aufgebaut oder eliminiert. Und das alles wird hochstilisiert zu hehren Kämpfen für Freiheit und Demokratie, gegen die orientalischen Finsterlinge.

Das klingt nicht so, als könnte man viel dagegen tun …


Einerseits gibt es Signale „von ganz oben“, die man vorsichtig so interpretieren kann, dass eine fortwährende Verschärfung des Konfliktbewusstseins auch nicht erwünscht ist. Denken Sie an Obamas Rede in Kairo 2009. Kritisch betrachtet könnte man sagen, er handle auch nicht anders als sein Vorgänger, halte nur freundlichere Reden. Das ist richtig, aber im Bewusstsein der Menschen im Westen bewirkt es etwas Positives, wenn der US-Präsident den Islam als große Zivilisation lobt und für ein neues Verhältnis des Westens zur muslimischen Welt wirbt.
Und jeder einzelne ist angesichts solcher Äußerungen gerufen, sich nicht ins Bockshorn jagen zu lassen: Jede Meldung in den Medien, jeden Film, jeden Clip, jedes Videospiel kritisch zu betrachten; sich mit anderen darüber auszutauschen, sich zu vernetzen. Der Hintergrund sollte immer der Wille zum Guten, die Frage nach dem Willen Gottes und die vernünftige Betrachtung der Dinge sein.

Wie sehen Sie das Zusammenleben von Muslimen und Christen in Deutschland und welche Erfahrungen haben Sie bisher damit gemacht?

Ich persönlich habe nur gute Erfahrungen gemacht. Das liegt möglicherweise auch daran, mit welcher Haltung man den Menschen begegnet. Ich kann nicht in die Menschen hineinschauen, die mir aus bestimmten Vierteln in Großstädten berichten, sie würden dort aggressiv oder herablassend behandelt. Sie fühlten sich dort nicht sicher, denn selbst ein Einsatz der Polizei werde sogleich umzingelt und bedroht. Wenn wir einmal von solchen Ghettoerfahrungen absehen, ist das Verhältnis wohl gar nicht so schlecht. Aber es ist wohl eher ein Nebeneinander als ein Miteinander, und das ist gefährlich. Denn einerseits sind die Muslime präsent, andererseits kennt man sie nicht. Man gewinnt also seine Informationen über die Medien, über Multiplikatoren. Zugespitzt gesagt: „Ich habe zwar noch nie mit meinem muslimischen Nachbarn gesprochen, aber man weiß ja, was das für Leute sind …“ Deswegen freut es mich immer, wenn ich junge Leute sehe, die sich über diese Grenzen hinweg unterhalten und befreundet sind, weil sie die Schule oder die Uni zusammenbringt.

Ich möchte noch mal auf das Thema “Kampf der Kulturen” und das Zusammenleben zwischen Christen und Muslime zurückkommen. Wie Sie wissen haben wir seit 2001 eine andauernde Integrationsdebatte die meist auf den Rücken muslimischer Mitbürgern geführt wird. Hierbei wird ein Kardinalfehler begangen, nämlich dass man die Tat einer Person mit der Religion in Verbindung bringt. Welche Lösungsmöglichkeiten würden Sie Ihren muslimischen Mitbürgern empfehlen?

Die Muslime sind ja großenteils zugewandert, und deshalb wird ihre Religionszugehörigkeit immer damit vermischt, dass sie anders aussehen, anders sprechen und kulturell anders sind. Außerdem ist die Unterschicht stärker vertreten, treten Migranten- und Minderheitenprobleme auf. Diese Faktoren werden immer wieder auf die religiöse Ebene geschoben, wie das Ghettobeispiel zeigt, von dem ich vorhin gesprochen habe.
Was kann man tun? Meine erste Empfehlung wäre Transparenz. Wenn ich vor einer Moschee oder einem Gebetsraum stehe, würde ich gerne wissen, wer hier betet: Sunniten oder Schiiten? Türken, Araber oder Perser? Gibt es ein Büro, in dem ich Informationen bekommen kann, oder einen Ansprechpartner? Kann ich einfach reingehen oder ist das nicht erwünscht? – Ich weiß schon, einige Muslime würden sagen: „Was soll das? Ich weiß doch schon, wo ich hingehe. Warum können wir nicht einfach in Ruhe beten?“ Klar, für die Muslime braucht es keinen Aushang über Öffnungszeiten, wann das Freitagsgebet ist, wie der Imam heißt und wer der Ansprechpartner oder Moscheevorstand ist. Das ist in ihrer Community bekannt und manchem vielleicht sogar lieber, dass es die anderen nicht wissen. Schließlich gibt es überall Spinner und Radikale. Transparenz kann anstrengend sein. Aber für die Nicht-Muslime, die vorbeigehen, wirkt es freundlicher und weniger fremd, wenn es einen Schaukasten mit Informationen gibt, wie sie es von ihrer Kirche auch kennen. Das ist eine vertrauensbildende Maßnahme.

Eine andere Sache ist die Bildung. In Deutschland ist das Verhältnis Schule-Familie ein anderes als in den Herkunftsländern der muslimischen Zuwanderer. Dadurch werden viele Kinder nicht optimal gefördert. Ich könnte mir vorstellen, dass die Moscheegemeinden hier einen guten Einfluss ausüben und auch Hilfe leisten könnten. Je mehr Handwerker, Geschäftsleute und Akademiker es unter den zugewanderten Muslimen gibt, desto mehr können sie andere mitziehen. Und die autochthonen Deutschen sind immer begeistert, wenn es heißt, jemand leiste etwas. Das war ja das Erfolgsticket von Sarrazin, zu sagen, die Muslime seien Loser und Schmarotzer. Denn das ist für viele Deutsche ganz schlimm …

Lassen Sie mich noch einen auf den ersten Blick provokativen Vorschlag machen: Muslime, tretet in die CDU/CSU ein! Die meisten Muslime wählen vermutlich rotgrün. Da sehen sie mehr Toleranz, da gibt es auch mehr Funktionäre und Mandatsträger mit Migrationshintergrund. Ich glaube aber, dass eine wertkonservative Politik mit religiösem Hintergrund viel besser zu den meisten Muslimen passt. Die Unionsparteien könnten eine Auffrischung vertragen – und eine Aufmischung. Mischt die Union auf! Es wird die Christen in der CDU/CSU bewegen, sich mehr mit ihrer religiösen Herkunft zu befassen, und es wird das Toleranzpotential in der Union vergrößern.

Was würden Sie den Politikern für ein friedvolles Leben in Deutschland, bezüglich der hier lebenden Migranten mit auf dem Weg geben wollen?

Mehr zu investieren. Das heißt nicht in erster Linie Geld, sondern Engagement. Es reicht nicht, in irgendwelchen hochrangigen Runden seine Position zu vertreten und dabei auf die Wähler zu schielen. Jeder Politiker sollte möglichst viel reingehen in die Communities und dort mit den Leuten reden: zuhören. Wissenschaftliche Studien, Experten sollten nicht als Kanonenfutter zur Steigerung der Popularität dienen, sondern als Berater für positive Maßnahmen herangezogen werden. Es sollte zum persönlichen Projekt möglichst vieler Politiker werden, in diesem Bereich Probleme zu lösen, Fortschritte zu machen. Und zwar nicht auf dem Wege des Zwangs, sondern der Kooperation.

Sie haben über Signale von oben gesprochen, die es ja in der deutschen Integrationsdebatte immer wieder gibt. Ein Beispiel wäre die Islamkonferenz, die durch den früheren Innen- und jetzigen Finanzminister, Herrn Schäuble initiiert wurde. Muslime haben den Eindruck, dass diese Konferenz eher den Interessen der Auseinandersetzung mit dem Islam, aber nicht dem Verständnis des Islams dient. Was würden Sie Politikern und muslimischen sowie christlichen Mitbürgern raten, dieser einseitigen Betrachtung von oben zu entgehen?

Ich bin nicht in dieser Konferenz und kann mir deshalb kein Urteil darüber erlauben. Sicher ist es besser, ein solches Forum zu haben als keines. Dass nicht allzuviel dabei herauskommt, weil die Sache mehr politstrategisch als positiv-pragmatisch durchgeführt wird, kann ich mir schon vorstellen.

Ich halte es unabhängig davon für sehr wichtig, dass sich die Muslime in Deutschland irgendwelche Formen der Institutionalisierung und repräsentativen Vertretung finden. Ich weiß, dass das sehr schwer ist, weil es dem Charakter des Islams nicht entspricht. Aber dann könnte es auch rechtlich  sehr schnell und effektiv einen Schritt vorwärts geben.
Man muss immer wissen, was genau man mit einer Initiative oder Veranstaltung bezwecken will. Auf der Ebene Pfarrei-Moscheegemeinde, Ortsgemeinde oder Stadtviertel kann es sinnvoll sein, sich einfach regelmäßig zu treffen und einzuladen, um einander kennenzulernen, besser zu verstehen und Probleme anzupacken. Wenn ein Drittel der Deutschen sich vom Islam bedroht fühlt, sollten die übrigen zwei Drittel sich nicht zurücklehnen, sondern sich Gedanken darüber machen, wie man das ändern kann. Dieses eine Drittel wird von bestimmten Publizisten und Internetportalen regelmäßig bedient. Dass das höchst problematisch ist, flackert kurz auf, wenn ein Anders B. Breivik vom Hass zur Tat schreitet. Aber unabhängig davon ist es eben nicht automatisch so, daß alle langfristig von der Liebe statt vom Hass motiviert werden. Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf, dass sich eine breite Bewegung für Freundschaft und Miteinander entwickelt. Das wäre eine echte Investition in die Zukunft.

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Zwangsheirat und religiöser Zusammenhang?

Das Bundesfamilienministerium hat neuerdings eine Studie in Auftrag gegeben aus der herausgekommen ist, das mehr als 3.000 Frauen zwangsverheiratet werden. Laut der Studie ist fast ein Drittel der Betroffenen Frauen in Deutschland 17 Jahre oder jünger. 40 Prozent sind zwischen 18 und 21 Jahre alt. Welche Motivation haben diese Menschen und kann man so ein Verhalten an der Religion fest machen?

Zwangsheirat ist etwas verabscheuungswürdiges zumal schon der Zwang etwas zu tun, was man nicht möchte ein missachten der Menschenrechte ist. Deshalb ist jede Zwangsehe eine Ehe zu viel, die es zu verhindern gilt. Verhindern kann man aber nur etwas, dessen Ursachen man richtig definiert und nicht per sé an einer Glaubensüberzeugung festmacht. In einer Debatte in der ständig auf den Glauben gelenkt wird, kann man nicht von einer ehrlich gemeinten Debatte sprechen zu mal religiöse Überzeugungen nicht das Thema der Integration, sondern der Assimilation von Menschen sind. Deshalb sollten wir versuchen, die Ursachen für eine Zwangsehe richtig zu erkennen. Erst dann werden wir das Übel aus der Welt schaffen.

In einem Artikel der Zeitung „Die Zeit“ wird darauf verwiesen, dass die Opfer überwiegend aus religiösen Familien stammen (59,4 %). Das führt dazu, dass man sich darüber Gedanken macht woran die Religiosität gemessen wurde. Ist eine Familie die in die Moschee geht und in der die Töchter Kopftuch tragen unbedingt eine „religiöse Familie“? Genauso könnte man fragen, ob eine Familie in der Mädchen kein Kopftuch tragen keine religiöse Familie ist? Woran misst man die Religiosität dieser Menschen? Kann man das überhaupt? Vielleicht möchte man ja alles Negative religiös belegen, um eine Erklärung für Fehlverhalten zu erhalten? Jedenfalls ist mir keine einzige Familie bekannt, die religiös erscheint und ihre Kinder zwangsverheiratet. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich Familien kenne, denen es nicht unbedingt an Bildung mangelt.

Es ist sehr bedauerlich, dass immer wieder gleiche Klischees über Muslime aufgebaut werden, die in der Gesellschaft nur Vorurteile hervorrufen. Es ist ein bestimmtes Bild das über Muslime vermittelt werden soll, das sogar Muslime für Rückständig und hinter-weltlerisch halten. Seit 50 Jahren leben in Deutschland nun Muslime und man wundert sich immer wieder, wenn man mit Fragen konfrontiert wird, wie: „Haben Sie Ihren Mann selbst ausgesucht?“ oder „Haben Sie freiwillig mit Ihrem Mann geheiratet?“, so die Ärztin meiner Frau, als sie zum ersten Mal bei ihr zu Behandlung war und verärgert nach Hause kam, was die Frau sich dabei denkt, wenn sie solche Fragen stellt. Es zeigt nur, wie desinteressiert die Gesellschaft gegenüber Muslimen ist und sich lieber von solchen Studien und Meinungen treiben lässt. Vielleicht ist das ja auch das Ziel der Ministerien, wer weiß?

Jedenfalls lässt sich eine Zwangsehe nicht auf der Grundlage der Religion, hier im speziellen des Islam belegen. Das kann jeder Islamkenner bestätigen. Es ist nur wichtig, woher man seine Informationen beschafft. Ich möchte dass an einigen Aussprüchen des Propheten Muhammed (Friede sei mit Ihm und allen anderen Propheten) belegen.

In einem Ausspruch des Propheten Muhammed (Friede sei mit Ihm und allen anderen Propheten) heißt es: „Der beste unter euch ist derjenige, der sich gegenüber seiner Frau und seinen Kindern am besten verhält“ (İbn Mâce, Nikah, 50).

Wie kann ein Mensch, der sich gegenüber seiner Familie gut verhält, seine Tochter oder seinen Sohn gegen ihren Willen verheiraten? Ist ein Mensch der so etwas tut, noch der Beste unter den Gläubigen? Mit Sicherheit nicht.

Ein weiterer Ausspruch soll ein Bild darüber geben, wie der Prophet (Friede sei mit Ihm und allen anderen Propheten), die Zwangsverheiratete Person behandelte.

„Ein Mädchen kam zum Propheten und beschwerte sich darüber, das ihr Vater sie, obwohl sie jemand anderen liebt mit einem anderen Zwangsverheiratet hat. Daraufhin ging der Prophet zu demjenigen, mit dem das Mädchen zwangsverheiratet wurde und schied die beiden, um das Mädchen mit demjenigen zu verheiraten, die sie geliebt hat“  (Dr. Muhammed Ebu’n- Nur, Kur’an ve Sünnette Evlilik, Uysal Yayınları: 110).

Wenn ein Prophet (Friede sei mit Ihm und allen anderen Propheten), der als Vorbild für alle Muslime gilt jemanden mit demjenigen liiert, den er/sie liebt, wie soll man das bitteschön religiös belegen, das Zwangsheirat etwas islamisch gewolltes sein soll?

Allein diese beiden Aussprüche, das sind direkte Aussprüche und Taten des Propheten (Friede sei mit Ihm und allen anderen Propheten) zeigen, dass der Islam die Zwangsheirat verabscheut. Siehe hierzu auch Rotterdamer Initiative “Hand in Hand gegen Zwangsheirat” dessen Schirmherr Prof. Tariq Ramadan ist.

Wie kommt es trotzdem dazu, dass die Familienministerin immer wieder auf religiöse Motive von Menschen verweist? Welche Absicht steckt dahinter? Ohne eine negative Absicht zu unterstellen möchte ich die Leser mit diesem Gedanken alleine lassen. Ich denke, dass man schnell zu einem Ergebnis kommt, wenn man wirklich gut ausgebildete Islamkenner befragt. Es scheint jedoch, dass man über die Religion urteilt ohne die Religion des Anderen zu kennen bzw. kennen zu wollen, was noch fataler ist.

Nach dem wir nun festgestellt haben, das die Zwangsverehelichung von Menschen keine islamische Grundlage hat, ist es dringend notwendig die tatsächlichen Motive hierzu zu finden.

Eine tiefgreifende Analyse der Zwangsverheirateten Ehepartner wird schnell zum Ergebnis führen, das die meisten Zwangsehen aus materiellen Gründen stattfinden und nicht aus religiösen. Eine Familie möchte das Vermögen, das sie angespart hat nicht mit einer anderen Familie teilen. D. h. die Frau soll nach dem Tod ihres Mannes keine fremde sein, die nicht zu Familie gehört und erbt.

Eine Analyse der Familie des Mannes und der Frau wird dazu führen, dass die übergreifende Mehrheit der Zwangsehen aus dem Familienclan ist. Ein noch schlimmerer Grund ist die fehlende Kenntnis über die eigene Religion, die trotzdem mit religiösen Motiven belegt wird. Dabei wird die Tochter oder der Sohn mit dem Verweis auf die Religion und dem Gehorsam gegenüber den Eltern Zwangsverheiratet. Meist sind das jedoch keine Regeln der Religion, wie wir oben bereits gesehen haben, sondern regional bedingte Verhaltensweisen, die aufgrund fehlender Bildung von Generation zu Generation so weitergeführt wurde.

In jeder Religion gibt es Menschen, die sich religiös nennen sich jedoch kaum mit der Religion auskennen. Meist sind es Kulturgläubige, wie man so schön sagt, d. h. sie führen Verhaltensweisen durch ohne über ihren Sinn und ihre Bedeutung im Klaren zu sein. Solche Menschen werden dann von islamfremden Menschen als Religiös tituliert, weil sie durch ihr Fehlverhalten das negative Klischee bestätigen.

Wenn die Familienministerin wirklich den Frauen und Männern helfen möchte, die nicht mehr zwangsverheiratet werden sollen, dann ist es dringend notwendig mit islamischen Verbänden zusammen zu arbeiten. Es muss meines Erachtens immer wieder deutlich gemacht werden, das Zwangsehen keine Religiösen Boden haben. Aufklärung und Bildung ist das einzige Mittel, um Menschen besser integrieren zu können und nicht die Verurteilung.

Wer trotz Aufklärung Zwangsehen befürwortet, der sollte mit Strafen aus dem Strafgesetzbuch rechnen, die er islamisch gesehen auch erhalten würde, wenn er zwei Menschen zwanghaft miteinander vermählt. Unkenntnis schützt bekanntlich nicht vor Schuld.

Siehe hierzu auch folgende Artikel:

Wissenschaftler der Zwangsheirat-Studie fühlen sich „hinters Licht geführt“. Familienministerin Schröder habe Befunde der Studie verzerrt und anti-muslimische Ressentiments geschürt

Zwangsehen: Wenn der Islam in der Folklore verschwimmt

Diese Debatte stärkt die Ausgangsbedingungen für Gewalt!

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„…es geht um Integration und nicht ums Vergessen der Herkunft“

Anlässlich des 50jährigen Anwerberabkommens haben sich am 02.11.2011 der Ministerpräsidenten Erdoğan und die Bundeskanzlerin Merkel in Berlin getroffen und ihre Reden gehalten. Zu diesem Anlass gab die Kanzlerin ein Interview, mit der Jurastudentin Semiramis Kilisli das auf eine gemeinsame Zukunft hoffen lässt.

Ich persönlich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wann Migranten zum ersten mal aufgefordert wurden, die deutsche Sprache zu erlernen, da sie eines der wichtigsten Voraussetzungen für Integration in der deutschen Gesellschaft ist. Seit dieser Zeit müssen einige Jahre verstrichen sein und es scheint als hat sich seit dem nichts geändert. Die ganze Integrationsdebatte kann man drehen und wenden wie man will, es sind immer die gleichen Argumente: Sprache, Bildung und Anpassung um die es geht. So die Bundeskanzlerin in einem Interview anlässlich des 50jährigen Anwerberabkommens:

„Ich glaube, dass wir viele sehr gut integrierte türkischstämmige Menschen haben, aber dass wir auch noch durchaus Probleme haben. Wann ist jemand gut integriert? Ich würde sagen: Wenn er die Sprache sehr, sehr gut beherrscht, wenn er auch möglichst gut in der Schule alles gelernt hat, damit er einen Beruf erlernen kann, damit er auch in Deutschland Karriere machen kann, also richtig teilhaben kann am Leben. Aber zur Integration gehört ja auch noch mehr. Ich wünschte mir zum Beispiel auch, dass alle Deutschen türkischstämmige Bekannte haben und umgekehrt alle Türkischstämmigen in Deutschland auch deutsche Bekannte haben. Und da, glaube ich, gibt es – gerade vielleicht bei den älteren Generationen – doch noch Probleme: dass man eigentlich in den Wohngebieten mehr Menschen kennt, die aus der gleichen Herkunft kommen, und dass viele Deutsche auch gar keine türkischstämmigen Bekannten haben. Und hier wünschte ich mir noch mehr Kontakte untereinander“.

Aus dieser Aussage können sich Migranten folgende Aufforderung mitnehmen:

–> Deutschkenntnisse erwerben
–> Eine solide Schulausbildung, die mit einer Berufsausbildung abschließt
–> Einen guten Kontakt zur deutschen Gesellschaft pflegen.

Ich denke, dass die meisten Migranten, ob neu oder schon lange in Deutschland, diese Aufforderung ohne Bedenken unterscheiben würden. Sicherlich muss hier noch einiges aufgeholt werden. Vor allem stehen die Eltern in der Pflicht ihren Kindern eine solide Basis für ihre Schulausbildung zu schaffen.

Im weiteren Verlauf des Interviews fordert die Bundeskanzlerin auch die deutsche Gesellschaft auf, offener mit Migranten umzugehen und nicht mit zweierlei Maß zu messen, wenn es um die Vergabe von Arbeitsplätzen geht.

„Also ich glaube, wenn wir über Integration sprechen, müssen wir sowieso sagen, dass alle offen dafür sein müssen: Die, die einen Migrationshintergrund haben, aber auch die Deutschen müssen offen sein und nicht schon bei Bewerbungsschreiben, wenn der Name vielleicht nach einem Migrationshintergrund aussieht, das gleich mal aussortieren; und so etwas gibt es auch, dafür haben wir leider auch Anzeichen”.

Auch daraus kann man für die deutsche Gesellschaft folgendes ableiten:

–> Seit offener mit Migranten
–> Macht bei der Auswahl der Bewerber keine Unterschiede nach Herkunft, sondern nach der Qualifikation

Ich finde die Aussagen der Bundeskanzlerin sehr gut, zumal Sie positive Zeichen setzt und umschreibt, wie Integration auszusehen hat und was man dafür tun kann, um als integriert zu gelten. Es ist sehr erfreulich, dass die Aussagen diesmal keine auf Religion fußenden Beurteilungen enthalten. Auf diesen Aussagen kann man eine zukunftsfähige pluralistische Gesellschaft aufbauen in der jeder mit jedem offen umgeht.

Vor allem finde ich die Aufforderung der Kanzlerin an die 3.Generation sehr wichtig, denn sie ist es, die in Deutschland am meisten verwurzelt ist. Es wäre daher sehr schön, wenn die deutsche Gesellschaft das auch langsam akzeptieren könnte und offener damit umgeht.

Eine Aufforderung der Kanzlerin an die dritte Generation und an die Deutschen ist meines Erachtens, die Basis für eine gemeinsame Zukunft.

„Ich erwarte eigentlich in der dritten Generation, dass die Frage ‚Kann ich deutsch oder nicht deutsch?‘ keine Rolle mehr spielen dürfte. Ich erwarte, dass die jungen Migranten sich offen für unser Land mit einbringen, dass sie an allen Stellen mitarbeiten – ob das jetzt im politischen oderim gesellschaftlichen Raum ist. Ich wünschte mir, dass auch die Vereinigungen nicht immer so getrennt sind – eine Wirtschaftsvereinigung für die türkischstämmigen Unternehmer und eine für die klassischen deutschen Unternehmer –, sondern dass es zumindest zwischen diesen Vereinigungen noch viel mehr Kontakte gibt. Denn irgendwann, in der vierten, fünften, sechsten Generation, sollte man ja auch mal gar nicht mehr als erstes danach fragen: Gibt es einen Migrationshintergrund – ja oder nein?”

Für die 3.Generation gilt also:

–> Mehr Engagement für Deutschland
–> Keine getrennten Vereinigungen mehr oder
–> Zumindest mehr Kontakt zwischen Vereinigungen

Aus diesem Interview sind viele Hausaufgaben sowohl für Migranten, aber auch für Deutsche zu entnehmen. Es ist deshalb sehr wichtig, diese Hausaufgaben auch umzusetzen, ansonsten sind das nur Lippenbekenntnisse, die wir seit bereits 50 Jahren immer wieder ansprechen aber nicht in die Tat umsetzen.

Es ist deshalb meines Erachtens sehr wichtig, sich nicht mehr auf versteifte Debatten zu konzentrieren, sondern auf Projekte, die ein gemeinsames Miteinander fördern.

Um jedoch gemeinsame Projekte auch gemeinsam zu bestreiten muss eine oft betonte Willkommens-Kultur herrschen, die in der Praxis Anklang findet, d. h. im Umgang miteinander. Vielleicht müssen wir noch lernen miteinander umzugehen ohne den Anderen in einer von uns selbst definierten Schublade sehen zu wollen.

Es kann nicht sein, das Integration soweit reichen muss, dass man fast assimiliert ist. Niemand kann von einem Menschen verlangen, dass er seine Herkunft vergisst oder verleugnet und sich total verstellt. Es ist daher wichtig, die Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind. Dies kann nur dann geschehen, wenn man über seinen eigenen Schatten springt und die Kultur, die religiöse Überzeugung und die Lebensweise des anderen zu verstehen versucht.

„Man darf seine und soll seine kulturelle Identität nicht vergessen, es geht um Integration und nicht ums Vergessen der Herkunft“.

Migranten oder mittlerweile Deutsche mit Migrationshintergrund sollten endlich aufhören sich in der Opferrolle zu wälzen. Es macht sicherlich Spaß jeden zweiten Tag über das Thema schreiben zu können, jedoch darf man nicht vergessen, dass es auch noch andere wichtige Themen in Deutschland gibt über die es sich zu schreiben, zu lesen oder zu reden lohnt.

Mitgestalten heißt mitreden, mitmachen und mitwirken. Wie soll das gehen, wenn man sich in einer Jammerkultur wohl fühlt? Keine Mehrheitsgesellschaft läuft hinter einer Minderheitsgesellschaft, die ihre Argumente nur noch darauf aufbaut über das Land zu schimpfen in dem es lebt. Daher ist es wichtig, sich jeden Tag zu fragen: Welchen Beitrag leiste ich für die Gesellschaft in der ich lebe?

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Ist der Islam ein Hindernis für die Integration?

Einige Politiker greifen ständig Migranten mit islamischen Glauben an und verweisen dabei auf die misslungene Integration hin. Sie sind der Ansicht, dass sich Muslime nicht integrieren können und dass der Islam ein Grund dafür sei. Was machen jedoch die Migranten?

Seit 1959 wandern Migranten aus der Türkei nach Deutschland aus. In diesen 50 Jahren seit ihrer Ankunft ist einiges geschehen. Wenn man die Migranten in einer Karriereleiter der Integration darstellen wollen würde, könnte man sagen, dass sie von Gastarbeitern zu Mitbürgern dieser Gesellschaft aufgestiegen sind oder doch nicht? Wie sah die Situation eines Gastarbeiters aus? Ein Gastarbeiter war jemand, der nach Deutschland gerufen wurde, um hier die Wirtschaft vorübergehend zu unterstützen und wieder in die Heimat zurück zu kehren. Er war ein Mensch, der nicht besonders gut ausgebildet war, sondern aus dem Dorf in Anatolien kam. Aufgrund dieser Umstände sich auch weder in der deutschen Sprache ausdrücken konnte, noch sich bemühte diese zu erlernen. Dementsprechend ist die misslungene Integration der 1.Generation zu entschuldigen, auch wenn es für viele schwer fällt. Die 2.Genaration waren die Kinder der 1.Genaration. Sie haben teilweise eine Ausbildung gemacht und arbeiten seit Jahrzehnten in ihrem erlernten Beruf. Manchen von Ihnen war das Geld wichtiger, als die Ausbildung, weil sie der 1.Generation dabei helfen wollten, so schnell wie möglich das Geld für ein Haus und ein Feld zu verdienen, um wieder in die Heimat zurück zu kehren. In dieser Zeit bekam jedoch die 2.Generation Kinder, die zum größten Teil hier geboren war und hier aufgewachsen ist. Diese nannte man dann die 3.Generation. Die 3.Generation entwickelte sich je nach familiärer Vorbildung. Wenn die Eltern eine Ausbildung gemacht hatten, war es für sie leichter auch eine Ausbildung oder gar ein Studium zu absolvieren. Bei den restlichen war es nicht so einfach, den Sprung vom Arbeiterdasein zum Fachkräftedasein zu schaffen. Nichts desto trotz schafften es einige ein Studium zu absolvieren. Gegenwärtig sind wir sogar bei der 4.Genaration gelandet, die zum Teil ein Studium oder eine Ausbildung hat und zum anderen bedauerlicherweise keines von beidem.

Dieser Abriss in die Geschichte soll zeigen, das Migranten sehr wohl bemüht sind qualifizierte Mitbürger dieses Landes zu sein. Wie ist es sonst zu erklären, das aus unqualifizierten Migranten studierte Mitbürger hervorgegangen sind? Ist das nicht ein enormer Sprung, wenn man bedenkt, dass diese Menschen nicht einmal einen Grundschulabschluss hatten, als sie nach Deutschland gekommen sind?

Bei all den guten Beispielen gibt es natürlich immer noch eine große Bildungs- und Integrationslücke, die es zu füllen gilt. Das Verhältnis von studierenden und ausgebildeten Migrantenkinder ist im Gegensatz zu nicht studierende und ausgebildete Kinder noch sehr gering. Deswegen sollten sich Migranten auch Gedanken machen, ob sie in diesem Land für immer bleiben wollen oder immer noch mit dem Gedanken spielen in ihre Ursprungsländer zurück zu kehren. Egal wie sie sich entscheiden, ohne Bildung und Beruf kommt man in keiner Gesellschaft besonders weit. Es reicht heute nicht deutsch sprechen zu können, man muss die Sprache auch mit einer zusätzlichen Qualifikation untermauern können. In Deutschland hat jeder die Möglichkeit einer Ausbildung nach zu gehen. Eine Ausbildung ist das A und O um später auf weiterbildende Schulen gehen zu können. Wer das Abitur nicht schafft sollte deshalb unbedingt einer Ausbildung nachgehen.

Auf der anderen Seite ist es schlicht und ergreifend falsch, die Integration bzw. die Integrationsfähigkeit an einer bestimmten Glaubensorientierung fest zu machen. Der Glaube wiederspiegelt das Verhältnis eines Menschen zu seinem Schöpfer und nicht das Verhältnis zu seinen Mitmenschen. Natürlich kann das Verhältnis zu Mitmenschen durch den Glauben beeinflusst werden, d. h. aber nicht das dies der Integration hinderlich wäre. Wenn man das Verhältnis des gläubigen Muslim zu seinen Mitmenschen zusammenfassen würde, könnte man dies aus dem Ausspruch „Ein Gläubiger ist derjenige, von dessen Hände, Mund und Augen die Menschen in Sicherheit sind“ des Propheten Muhammad (Friede sei mit Ihm) ablesen. Wenn man hierzu nun einen weiteren Ausspruch hinzufügt, in der der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) sagt: „Der Beste unter Euch ist derjenige, der den Menschen am meisten dienlich ist“, kommt man unschwer zu der Schlussfolgerung, dass ein Mensch der in einem anderen Land lebt nur dann den Menschen dienlich sein kann, wenn er sich in diese Gesellschaft integriert und eine Ausbildung macht. Jemand der keine Ausbildung macht und auch keiner Beschäftigung nachgeht, kann schwer anderen Menschen dienen bzw. nützlich sein, da er sich selber nicht nützt. Wer sich selber nichts nützt, der nützt auch anderen nicht und schadet folglich auch der Gesellschaft. Deshalb ist der Vorwurf der eingangs zitierten Personenkreises gegenüber Migranten mit islamischem Glauben haltlos und zeugt von Unkenntnis des islamischen Glaubens.

Migranten sollten deshalb unbedingt einer Ausbildung nachgehen oder Menschen, die keine Ausbildung haben helfen eine Ausbildung zu machen. Wie der Koran in der Sura: Zumar Vers 9 unmissverständlich zu bedenken gibt, dass der „Wissende nicht dem gleicht der unwissend ist“ und der Prophet Muhammad (Friede sei mit Ihm) sagt: „Entweder sei ein Gelehrter oder einer der Wissen erlernt oder jemand der diesen beiden zuhört oder jemand der diese liebt. Gehöre auf keinen Fall zu der fünften Gruppe von Menschen, sonst gehörst du zu den verlierenden“. Nach diesem Ausspruch kann sich jeder Migrant islamischen Glaubens Gedanken machen, zu welcher Gruppe er gehören möchte.

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Ein Versuch Integration, Dialog und gegenseitiges Verständnis unter einen Hut zu bringen

Das Thema Integration von Migranten ist dermaßen zerredet worden, das ich mir lange darüber Gedanken gemacht habe, ob ich überhaupt noch was dazu sagen soll, geschweige denn etwas schreibe. Bei all den Meinungen die bisher geäußert worden sind, ist mein Text wahrscheinlich nur eines von vielen, die man in die Schublade, schon wieder so ein Text einordnen könnte. Nichts desto trotz möchte ich versuchen meine Gedanken, die mich schon seit langem plagen los zu werden. Einige Punkte, die ich erwähnen werde, sind schon mehrmals genannt worden. Ich werde sie nochmal in einigen Leitsätzen zusammenfassen.

Jeder sollte so leben können, wie er es für richtig hält, denn was man nicht will das einem angetan wird, das sollte man anderen auch nicht hinzufügen.  Allein dieser Leitsatz könnte schon ein Thema zu einem Buch werden, wenn man sich die ganze Debatte über das Thema Integration vergegenwärtigt. Die Islamkonferenz Beispielsweise, wurde durch Herr Dr. Schäuble ins Leben gerufen und hat in seiner Amtszeit als Innenminister einiges auf die Beine gestellt, wobei man sagen muss, das dort Mitglieder waren, die mit dem Islam nun ganz und gar nichts am Hut haben. Kann man über eine Religion eine Konferenz einberufen und dann Leute einladen, um deren Meinung über diese Religion als Experten anzuhören, weil sie einen Migrationshintergrund haben? Das Urteil überlasse ich den Lesern mit gesundem Menschenverstand selber. Würden Christen wollen, dass in einem „islamisch geprägtem Land“ Vertreter zu Christen-Konferenz eingeladen werden, die keine Christen sind, jedoch aus einem „christlich geprägtem Land“ kommen?  Wie würde so eine Konferenz enden?  Einige Mitglieder der Islamkonferenz sehen den Islam als Integrationshindernis. Das machen sie immer wieder deutlich und begründen das damit, das sich Muslime deshalb nicht integrieren könnten, weil sie Muslime sind. Demnach müsste man auch die Islamkonferenz abschaffen, weil die Symptome bereits im Vorfeld vorweggenommen sind. Die ganze Konferenz war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil die Teilnehmer so verschieden waren, das man das nicht mehr unter einen Nenner bringen konnte. Den Höhepunkt der ganzen Debatte hat unser neue Innenminister Dr. Friedrich erreicht, in dem er als erste Amtshandlung erklärte, das der Islam nicht zu Deutschland gehören würde. Damit sind viele Wege des Dialogs versperrt worden, weil niemand gerne ein Gespräch mit jemandem führt, wenn er weiß das dieser ihn nicht als zugehörig ansieht.

Kein Mensch, keine Regierung sollte einer Glaubensgemeinschaft vorschreiben oder diktieren, wie sie ihre Religion zu verstehen und zu leben hat. Das muslimische  Frauen ein Kopftuch tragen, dürfte nach 60jähriger Migrationserfahrung kein Geheimnis mehr sein. Darüber zu debattieren, warum, wieso und weshalb das so ist, und ob es in der heutigen Zeit notwendig ist, ist einfach unverschämt und zeugt von Überheblichkeit gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften.  Was für eine Unverschämtheit wäre es wenn ein Muslim anfangen würde Christen zu erklären wie Weihnachten oder Ostern zu feiern sei? In vielen Debatten hört man immer wieder, ob es in der aufgeklärten Zeit notwendig ist, Kopftuch zu tragen. Ein weiterer Punkt, den Muslime als lästig finden, ist das man hierzulande der Meinung ist, das der Islam die gleiche Entwicklungsgeschichte zu durchlaufen habe, wie das Christentum sprich reformiert werden müsse.  Wie Muslime ihre Religion zu verstehen haben und wie sie ihre Religion leben, sollte doch wirklich nicht das Thema Deutschlands sein. Solange man friedlich lebt, die Religion nicht dazu benutzt Unruhe zu stiften und Hass zu verbreiten, sollte das doch jeder selber entscheiden, wie er seine Religion leben möchte.

Die meisten Migranten leben in Deutschland und sind hier geboren und aufgewachsen. Sie haben also mit ihren Ursprungsländern kaum mehr zu tun als Urdeutsche, wenn man überhaupt von urdeutschen sprechen kann. Für Sie sind ihre Herkunftsländer genauso wie für Deutsche Urlaubsländer. Aufgrund dessen können Sie mit dem dortigen Problem wenig anfangen. Deshalb ist es unsinnig immer wieder auf die Probleme der Ursprungsländer hinzuweisen aus denen diese Menschen oder ihre Eltern stammen. Das Christen in einigen „islamisch geprägten Ländern“ nicht die gleiche Freiheit genießen, wie Muslime in Deutschland, ärgert diese Menschen gleichermaßen.  Es hilft uns jedoch nicht die Debatte im Inland auf einen vernünftigen Nenner zu bringen, da die Muslime, die in Deutschland leben für die Missstände in diesen Ländern nichts können.  Deshalb ist eine Argumentation, die darauf abzielt die Kommunikation hierzulande im Keim zu ersticken und die Probleme im Ausland zu benennen nicht gerade Zielführend. Das Fehler im Ausland gemacht werden, kann kein Argument dafür sein, das wir die Fehler auch hierzulande machen. Deshalb ist die Projizierung von Missständen im Ausland in  inländische Debatten meist nicht ziel führend.

Empathie-Fähigkeit ist der erste Schritt zu einer ernst gemeinten Annäherung  mit Muslimen. Das gleiche gilt auch für Muslime. Wir müssen uns immer in die Lage der anderen versetzen um den Anderen besser zu verstehen.  Dazu bedarf es eines ernst gemeinten Dialoges in der Gesprächspartner aneinander kennen lernen wollen und nicht kritisieren, nach dem Motto: Jetzt habe ich was entdeckt, womit ich dir eins rein würgen kann.  So eine Geisteshaltung kann man meines Erachtens nur dann erlangen, wenn man sich erst mal von Vorurteilen befreit. Dies bedarf jedoch einer Erledigung von vorgefertigten Meinungen, die man sich entweder selbst oder durch äußere Umstände zurecht geschustert hat.

Wenn wir andere nicht bevormunden und uns so verhalten, das wir dem Anderen nicht das wünschen, was wir uns selbst nicht wünschen würden. Wenn wir Empathie-Fähigkeit entwickeln können und dabei nicht den Hintergedanken hegen, das der Andere sowieso noch nicht soweit ist wie wir, dann könnte Integration und Dialog gelingen.

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